Liebe Routine,

viel zu lange schon warst du ein treuer Begleiter in meinem Leben, gabst mir unsichtbare Regeln vor und kontrolliertest in viel zu großen Umfang meinen täglichen Tagesablauf. Im letzten halben Jahr habe ich mich oft gefragt, was du jetzt wohl so machst? Wie es dir ohne mich geht? Kommst du klar ohne mich? Fragst du dich eigentlich wo ich geblieben bin oder was ich tue? Mach‘ dir keine Sorgen, ich lebe.

Ja, ich lebe und zwar richtig

Ich genieße jeden Atemzug in Freiheit und erlebe jeden Tag Neues. Es sind die vielen neuen Momente die aufregend, herausfordernd und manchmal auch herzzerreißend und entmutigend sind und mich so gar nicht an dich erinnern. Neues ist einfach so ganz anders als Du. Kein Dauertrübsal blasen und sich als Highlight des Tages über die verpasste Straßenbahn ärgern, sondern draußen in der Welt seine eigenen, richtigen Abenteuer erleben und dabei seine eigenen Erfahrungen sammeln, denn das ist es doch was -Leben- tatsächlich ausmacht oder nicht?

Hasse ich dich jetzt etwa weil du das genaue Gegenteil bist? Nein meine Liebe, auf keinen Fall. Du hast mir immer ein Gefühl von Geborgenheit gegeben und ja, nennen wir es beim Namen, ein Gefühl von Heimat. Du bist für mich ein großer Bestandteil dessen, wenn ich an -Heimat- denke, doch in den letzten Jahren bist du von Tag zu Tag und Stunde um Stunde zu einem nervtötendem Ballast mutiert. Sei mir nicht böse und verstehe mich nicht falsch, wir hatten viele tolle Momente gemeinsam. Du warst immer für mich da, hattest mich fest im Griff und mich in Sicherheit gewogen. Jetzt habe ich dich zurückgelassen, ganz plötzlich, ohne dir auch nur eine einzige Nachricht zu hinterlassen. Es tut mir leid, aber irgendwie auch nicht. Tja liebe Routine, ich habe mich aus deinen vertrauten Fängen entrissen um meinen Blick in die Welt zu richten, auf der Suche nach einem neuen Kick, einem neuen Gefühl das du mir nicht bieten konntest.

Während ich dir diese Zeilen schreibe ist es noch stockdunkel. Ich liege bis über beide Ohren in einem dicken Daunenschlafsack eingepackt in meinem Zelt auf 4000 Meter in den Bergen Pakistans und friere mir den Arsch ab. Doch ich kann diesen Moment genießen, denn ich bin frei. Frei von dir. Frei von einem durchstrukturierten Tagesablauf der zuhause auf mich warten würde und mich schon beim ersten Gedanken daran gähnen lässt. Seit mehr als sechs Monaten bin ich fort von dir… und das ist gut so. Dieses neue Lebensgefühl habe ich auch deiner Wenigkeit zu verdanken, das ist mir durchaus bewusst, denn ohne deine trostlose Langeweile mit der du mich tagein tagaus begleitet hast, wäre ich diesen Schritt wohl nie gegangen. Danke dir dafür.

Doch was ich dir damit eigentlich sagen möchte ist Lebewohl

Ich bin mir sicher, ab und an werde ich an dich denken und dich vermissen. Ich werde besonders in schwierigen Momenten an die alte Zeit zurückdenken und mir dabei wünschen, mich bei dir in Sicherheit wiegen zu können. Doch jetzt kann ich dich ganz und gar nicht gebrauchen, also Lebewohl.

Es ist ein -Tschüss Baba- auf Zeit, denn früher oder später werden wir uns wieder sehen und dann werde ich dir ganz bestimmt von meinen Abenteuern berichten und dich dazu ermutigen auch einmal über den Tellerrand zu blicken. Vielleicht wird sich bei dir ja in der Zwischenzeit schon etwas ändern, ach das wäre schön. Du könntest beginnen öfter aus deinem trostlosen -Routine Dasein- auszubrechen. Deine Zügel lockern um mich einfach Mensch sein zu lassen. Mensch sein lassen um mein Leben zu leben wie ich es vor meinem inneren Auge sehe. Mensch sein lassen um das Hier und Jetzt bewusster erleben zu können, egal ob, lachend oder weinend, Hauptsache ich kann ihn in vollen Zügen spüren, den Moment. Spring‘ doch einmal über deinen eigenen Schatten und lasse deine trostlose und täglich immer wieder kehrenden To-Do Liste endlich hinter dir. Ich weiß, dazu steht du mit deinem Namen, doch lass uns etwas daran ändern und gemeinsam einen neuen Weg einschlagen. Einen Weg, der dich liebe Routine, in deinem eifrigen Engagement mein Leben zu lenken Stück um Stück reduziert, um mich einfach wieder mehr Mensch sein zu lassen.

Während es nun langsam hell wird, krieche ich aus meinem Schlafsack um den Zelteingang einen kleinen Spalt zu öffnen. Im selben Augenblick brechen auch schon die ersten Sonnenstrahlen über dem gegenüberliegenden Bergkamm durch die dicke Nebeldecke und wärmen mein eisig kaltes Gesicht. Wenn ich die Augen zukneife und gegen das Sonnenlicht in die Ferne blicke, erkenne ich bereits schemenhaft die Silhouette des Himalayas. Was für ein Anblick, was für atemberaubender Moment.

Jetzt ist es an der Zeit den Stift beiseite zu legen und „Auf Wiedersehen“ zu sagen, denn ich will diesen Moment in vollen Zügen genießen.

Liebe Grüße von unterwegs

Dein Jü